Helga König im Gespräch mit dem Theologen Horst Peter Pohl

Lieber Horst Peter Pohl, Sie sind evangelischer Theologe und waren Stadtdekan in Frankfurt. Tätig waren Sie in den zurückliegenden Jahren als Pfarrer, Pädagoge, Referent und früher Leiter eines Kriseninterventionsdienstes für Suizidgefährdete. In den sozialen Netzwerken sind Sie sowohl auf Twitter als auch auf Facebook, Instagram und Pinterest aktiv und betreiben die Website "Nichtallzufromm".

Helga König: Wie reagieren Ihre Follower im Allgemeinen, wenn Sie diese persönlich so nett schon am frühen Morgen begrüßen?

 Horst Peter Pohl
Horst Peter Pohl: Ich tue das jetzt seit über 8 Jahren. Fast alle freuen sich und erwidern diese Grüße, manche haben sich später noch einmal ausführlich bedankt. Sehr selten ist mir begegnet, dass jemand das nicht mochte, dann vor allem, weil ich an diesem Tag zu viele Menschen begrüßt habe.

Helga König: Man erlebt im Netz manchmal sehr einsame Menschen und mitunter sogar welche, die kurz davor stehen, Suizid zu begehen. Können Sie an Posts erkennen, ob ein Mensch dringend seelischen Beistand benötigt?

Horst Peter Pohl: Ich bilde mir nicht ein, das immer erkennen zu können, aber es kommt vor. Häufiger kommt aber vor, dass ich direkt angesprochen werde. Vor allem bin ich für viele der "Pfarrer, den ich kenne".

 Helga König
Helga König: Was fällt Ihnen spontan bei dem Begriff "Mitmenschlichkeit" im Netz ein?

Horst Peter Pohl: Ich erlebe im Netz – vor allem auf Twitter – sehr viel Mitmenschlichkeit. Man grüßt sich, fragt nach, nimmt Anteil, hilft weiter und hält zum Teil sehr guten Kontakt über viele Jahre.

Helga König: .. und was bei "Fairness"?

Horst Peter Pohl 
Horst Peter Pohl: Unter Fairness verstehe ich die Einhaltung der "Goldenen Regel" "Was du nicht willst, das man Dir tu…". Die steht ja auch in der Bergpredigt "wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!". Es gibt natürlich auch die Kehrseite des Netzes. Manchmal bin ich fassungslos, wie herabwürdigend, manchmal hasserfüllt über andere gesprochen wird. Und das durchaus nicht nur von der Politisch Rechten (allerdings von dort häufiger).

Helga König:  Sind die sozialen Netzwerke ein interessantes neues Betätigungsfeld für Geistliche und falls ja, wie könnte Seelsorge hier stattfinden?

Horst Peter Pohl: Das wird ja von Anfang an so genutzt, so neu ist es also gar nicht. Evangelische Geistliche werden in ihrer Ordination verpflichtet, das Evangelium "öffentlich" zu verkündigen. Das heißt nach meiner Meinung: selbstverständlich auch im Netz. Es gibt spezielle Seelsorgeplattformen im Internet, aber die große Chance der Sozialen Netzwerke ist, dass sich dort Menschen begegnen. Wie früher und mancherorts heute noch auf dem Dorfplatz kann man auch einem Menschen begegnen, der Pfarrerin oder Pfarrer ist. Man kann ihn ansprechen. Man kann es aber auch dabei belassen, zu grüßen. Und als Pfarrer kann ich wie auf dem Dorfplatz fragen "Sie sehen heute irgendwie traurig aus…"

  Helga König
Helga König:… und wie könnte man ethisches Gedankengut gut nachvollziehbar für jedermann vermitteln?

Horst Peter Pohl: Indem man es so oft wie möglich in Diskussionen einbringt. Indem man zu strittigen Fragen Stellung nimmt. Indem man möglichst kurz und knackig, aber trotzdem differenziert schreibt.

Helga König: Wäre es nicht sinnstiftend, wenn ausgebildete Seelsorger mit Fremdenhassern im Netz in den Dialog treten, haben Sie diesbezüglich schon Erfahrungen sammeln können?

 Horst Peter Pohl
Horst Peter Pohl: Da steckt für mich ein großes Problem. Kirche und Pfarrer sind bei den meisten "Fremdenhassern" ebenfalls hassbesetzt und können nur schwer Zugang finden. Für mich selbst kommt hinzu, dass ich eben vor allem als Mensch unterwegs bin. Ich möchte in meiner "Timeline" keinen blanken Hass lesen. Es ist deshalb vorgekommen, dass ich Menschen "entfolgt" habe, deren Ergüsse ich nicht mehr lesen wollte. Allerdings sehr selten.

Helga König: Wie kann man im Netz Böses mit Gutem überwinden?

Horst Peter Pohl: Durch Freundlichkeit, Beharrlichkeit und Genauigkeit am ehesten. Aber vor allem indem man aufpasst, sich nicht selbst vom Bösen überwinden zu lassen.

  Helga König
Helga König: Auf Ihrer Website liest man eingangs "Sei nicht allzufromm und gebärde Dich nicht allzu weise, warum willst Du Dich zugrunde richten? (Pred. 7,16)". Wann ist ein Mensch "fromm" und wann "allzufromm"?

Horst Peter Pohl:  Wie gesagt, es ist ein biblisches Zitat, das ich natürlich auf mich beziehe. Ich bin fromm, aber nicht allzu fromm. Fromm sind Menschen, für die Gott in ihrem Leben eine Rolle spielt und den sie um Rat fragen. Allzu fromm sind für mich Menschen, die man früher als "frömmelnd" bezeichnet hat. Man meinte damit die, die eine Frömmigkeit vor sich her trugen. Vielleicht kann man unter "Allzu Fromm" auch Menschen verstehen, die glauben, man müsse die Bibel in allen Teilen wörtlich nehmen. Aber für mich ist das eigentlich gar nicht fromm, sondern eher dumm. "Nichtallzufromm" heißt für meinen Blog, dass ich über "Gott und die Welt" rede, über Religiöses und Politisches wie über Alltägliches und Witziges. Und mich dabei traue, durchaus auch mal "ketzerische" Ansichten zu äußern.

Helga König: Wie äußert sich nach Ihrer Vorstellung ein geglücktes Miteinander im Netz und was kann jeder dazu beitragen?

 Horst Peter Pohl
Horst Peter Pohl: Der alltägliche Anstand ist der Mörtel, der das Netz wie die Welt überhaupt zusammenhält. Der alltägliche Anstand zeigt sich in einer gewissen Freundlichkeit und Höflichkeit. Wenn dann noch hinzukommt, dass Menschen sich miteinander freuen, anderen raten, helfen und sie trösten, dann ist doch viel erreicht. Und fleißig "faven" und "retweeten", "liken" und "teilen" – auch das ist eine Form der Mitmenschlichkeit im Netz.

Lieber Horst Peter Pohl, ich danke Ihnen für das  aufschlussreiche Gespräch

Ihre Helga König

https://nichtallzufromm.de/

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