Helga König im Gespräch mit Peter Denker, Autor von pädagogischen Publikationen.

Der Autor  Peter Denker hat Schulen aus unterschiedlichen Perspektiven kennengelernt und  zwar als Abiturient, Lehramtsstudent, Praktikant, Referendar, Vater von drei Kindern, Gymnasiallehrer, Fortbildungsmoderator für "Schulentwicklung", Schulaufsichtsbeamter, Schulleiter und Autor von pädagogischen Publikationen. 

Helga König: Was verstehen Sie unter mitmenschlichem Verhalten? 

 Peter Denker
Peter Denker:  Dazu gehört nach meinem Verständnis alles, was eine Persönlichkeit ausmacht, der man gern begegnet. Das umfasst z.B. Aufmerksamkeit, Aufgeschlossenheit, freundlicher Blickkontakt, klärendes aber unaufdringliches Nachfragen, bedächtiges Urteilen, rücksichtsvolles Handeln, situationsangemessene Hilfsbereitschaft, vertrauensstiftende Diskretion und Zuverlässigkeit. 

Helga König:  Ist Fairness eine Erziehungsfrage? 

Peter Denker:  Eher ein Erziehungsziel, keine Frage! Fairness hat mit Wertschätzung der Individualität und Achtung seiner Würde und Gleichberechtigung zu tun. Erziehung in Schule und Elternhaus soll dazu anleiten, sich bei beobachteter oder mangelnder Fairness die Empfindungen der Beteiligten vorzustellen und zu beschreiben. Danach lässt sich klären, welches Verhalten gut wäre. 

 Helga König
Helga König: Was muss aus pädagogischer Sicht getan werden, damit die Kommunikation im Netz friedfertiger wird? 

Peter Denker: Es bedarf einer Erziehung, die dazu anleitet, sich die Wirkungen eigener Äußerungen auf andere und deren Rückwirkung vorzustellen, bevor man sich "outet". Mein jüngst von Ihnen geposteter Gastbeitrag "Kinderstreit schlichten" gibt dafür ein Beispiel. Eltern, Lehrkräfte und Freunde können dabei behilflich sein. Allerdings gibt es im Netz Trolle, die Hass, Diffamierung und Desinformation verbreiten, um politisch zu agitieren. Bei denen hat erkennbar eine Erziehung zum verantwortliche Gebrauch der Freiheit gefehlt oder versagt. Da hilft wohl nur noch die Anwendung rechtsstaatlicher Sanktionen. Die aber erfordern, dass redliche Bürger Abscheuliches dokumentieren und zur Anzeige bringen. 

Helga König: Sie haben auf Twitter folgenden Satz gepostet: "OPTIMISMUS ist nicht der Glaube, es werde schon alles gut, sondern angesichts unlösbarer Probleme immer zu fragen: "Was geht trotzdem?" Wie kann man diesen Gedanken einer Gesellschaft näher bringen, in der es immer mehr "Burn-Out"- Kranke gibt, und ist dieser Gedanke vielleicht der Schlüssel dazu, nicht zu rasch auszubrennen? 

  Peter Denker
Peter Denker: Mit diesem Satz gebe ich dem verbreiteten Sprichwort "Wer aufgibt, hat schon verloren" eine positive Wende. Schülern, Kollegen und befreundeten Menschen konnte ich damit schon eine von ihnen begehbare Brücke aus drohender Resignation heraus bauen. Ob er dazu taugt, sogar Burn-Out-Kranken zur Gesundung zu verhelfen, hängt davon ab, ob sie die Suche nach einem Ausweg aufnehmen wollen und können. Depressive Menschen benötigen meistens professionelle Hilfe, deren Therapieerfolg in die Suche nach gangbaren Wegen mündet. Die Anregung, bei Hilflosigkeit durch Perspektivwechsel nach alternativen Möglichkeiten zu suchen, ist indes ein universeller, erzieherisch wie therapeutisch wirksamer Schlüssel zur Wiedererlangung von Selbstvertrauen und Wohlbefinden. Diesen Schlüssel der Gesellschaft anzudienen ist ein Leitgedanke meiner Publikationen.

  Helga König
Helga König:  Auf Facebook und auf Twitter haben Sie zudem eine Art Ode an die Balance verfasst. Könnte es sein, dass Menschen durch das Multitasking ihre Balance verloren haben und was kann man tun, um im Hier und Jetzt - bei allen Aufgaben, die es zu erledigen gilt -, die Balance wiederzufinden? 

Peter Denker: Auf meiner Autorenseite publicationes.de gibt es neben dem Gedicht "Balance" auch einen Beitrag "Balance suchen", in dem ich verdeutliche, wie wichtig und hilfreich es ist, Entweder-Oder-Aussagen und Alternativlos-Behauptungen in Frage zu stellen: "Wirklich?" - Auch Verallgemeinerungen als solche zu entlarven, zielt auf Ausgewogenheit. Zwischen Zuwenig und Zuviel, zwischen Alles oder Nichts, zwischen Getrennt oder Gemeinsam jeweils das Maß zu finden ist, bei dem sowohl man selbst als auch das Gegenüber sich möglichst wohl fühlen können, macht Balance aus. Damit gelingt die Suche nach einer Lösung, die verschiedene Anforderungen ausgewogen berücksichtigt. Das verlangt Übung und Konzentration. Beiläufig oder im "Multitasking-Modus" ist das kaum möglich. Gerade dann ist es unerlässlich, sich mental zurückzulehnen und sich auf das vorrangige Problem zu fokussieren. Wenn man sich dann die voraussehbaren Folgen möglicher Handlungsweisen sorgsam abwägend bewusst macht, kann man tragfähige, ausbalancierte Entscheidungen treffen. In Hast hingegen führt der Mangel an Balance wie beim unachtsamen Seiltänzer zum Absturz. Sein Geschick, sein Training und sein beständig konzentrierter Blick auf das Ziel bewahren ihn davor. 

Helga König: Sie sind Betreiber der Website publicationes.de, der die Leser viel Lehrreiches entnehmen können. Welchen Stellenwert hat Ihrer Meinung nach die Pädagogik in der Heranbildung eines nicht persönlichkeitsgestörten Menschen, der sich dem Guten, Wahren und Schönen verpflichtet fühlt? 

  Peter Denker
Peter Denker: Der Pädagoge hat es mit verschiedensten Heranwachsenden zu tun. Jedem versucht er behilflich zu sein, seine Möglichkeiten zu entfalten – Gerald Hüther nennt es "Potentialentfaltung" – und sich zu einer Persönlichkeit mit dem eingangs beschriebenen mitmenschlichen Verhaltensweisen zu entwickeln. Hat der Lehrer einen Schüler vor sich, der sich schon dem Guten, Wahren und Schönen verpflichtet fühlt, macht ihm das mehr Freude als Mühe. Die große Herausforderung an Pädagogen ist es aber, in möglichst vielen Jugendlichen die Haltung zu veranlagen, die sie befähigt, ihre Freiheit in Verantwortung für sich selbst, für einander und für die Umwelt engagiert und vorausschauend zu gebrauchen. Es geht in der Pädagogik nach meinem Verständnis darum, hierfür das Bewusstsein zu trainieren. Zuerst bei den Erziehenden selbst, deren so gewonnene Persönlichkeitsmerkmale den Heranwachsenden Orientierung geben.

  Helga König
Helga König: Welche Bedeutung haben für Sie Werte und welche Werte möchten Sie durch Ihre Publikationen primär vermitteln? 

Peter Denker: In meinen Publikationen vermeide ich die Aufzählung von Werten, weil dadurch Leser verleitet werden könnten, den Autor je nach den erwähnten oder ausgelassenen Werten in eine Schublade einzuordnen, die irgendein Etikett trägt, das dem Anliegen des Autors nicht gut entspricht. Mir geht es mehr um Verhaltensweisen und Kompetenzen, die der individuellen Entfaltung, dem friedlichen Miteinander und der Erhaltung der Umwelt dienen. Das umfasst auch ein Wertebewusstsein, das in diesem Sinne taugliche von untauglichen Verhaltensweisen zu unterscheiden weiß. Natürlich übertragen sich Wertvorstellungen des Pädagogen auf manche seiner Schüler und solche des Autors auf einige Leser. Bisweilen schärft sich durch Ablehnung ein abweichendes, eigenes Wertempfinden. Der gute Pädagoge soll Vorbild sein, ja, aber keine Kopiervorlage. Er darf sich zu seinen Wertvorstellungen bekennen und deren Nutzen für das Individuum, die Gesellschaft und die natürlichen Ressourcen erkennbar machen. Ein guter Pädagoge ist daran zu erkennen, dass seine Schüler spüren: „Du und deine Fortschritte sind mir lieb und wichtig.“ 

Helga König: Halten Sie es für möglich, dass man durch Aufklärung Menschen dazu bewegen kann, sich menschenfreundlicher und damit vernünftiger zu verhalten? 

  Peter Denker
Peter Denker: Weniger durch "Aufklärung" als durch "Bewusstseinsbildung"! Denn die Trainierbarkeit des Bewusstseins ist – so sehe ich es – der Schlüssel zu effektiver Selbststeuerung und zu pädagogischem Wirken. Die Verhaltensmaximen der Bibel oder von Immanuel Kant mögen behilflich sein, das Bewusstsein zu schärfen. Aber der sokratische Optimismus, man müsse den Menschen nur sagen, was recht ist, dann würden sie aus Einsicht vernünftig handeln, ist weltfremd. Aufklärung klingt in meinen Ohren nach Richtungsweisung. Erziehung als Bewusstseinsbildung will hingegen dazu befähigen, unter vielen möglichen Wegen den eigenen zu finden und ihn – nach vorausschauender Prüfung – engagiert einzuschlagen. 

  Helga König
Helga König: Was bewegt Sie in den sozialen Netzwerken am meisten und welche Ihrer Erfahrungen möchten Sie hier weitervermitteln? 

Peter Denker: Die meisten Kontakte konnte ich bislang über Linkedin und XING knüpfen und erfreulicherweise damit Menschen erreichen, zu denen eine Interessenaffinität besteht. Auf publicationes.de habe ich ja ein recht breites Spektrum von Erfahrungen veröffentlicht, erkennbar mit den Schwerpunkten Bildung & Erziehung, Wissen & Glauben (mit Philosophie und Psychologie) und Schulpolitik. In Facebook, Twitter und YouTube ist die Anzahl der Kontakte noch recht überschaubar und weniger homogen. Einerseits möchte ich auch dort Aufmerksamkeit für meine Publikationen gewinnen, andererseits traue ich mich aber auch, meine Meinung z.B. zu Freihandel, Umweltschutz, Lobbyismus und Zeitumstellung zu äußern. Weil ich die deutsche Sprache gern "mein liebstes Spielzeug" nenne, macht es mir Freude, auf Twitter und Facebook Sentenzen und Aphorismen zum Besten zu geben. Schließlich biete ich seit einiger Zeit auf YouTube einen eigenen Kanal "Praktische Pädagogik" an, in dem neben gelinkten auch eigene Video-Clips zu finden sind. 

Helga König: Welche Botschaft haben Sie an Eltern und Lehrer im Netz? 

Peter Denker:  Sie sollten die Folgen Ihres eigenen Verhaltens bedenken – besonders im Hinblick auf Ihre Vorbildfunktion und Verantwortung für die Zukunft Ihrer Kinder bzw. Schüler! Deren Interessen und Aktivitäten sollten sie Beachtung schenken und sich erklären lassen und dabei auch anregen, ihr Verhalten zu reflektieren.

Lieber Peter Denker, ich danke Ihnen für das aufschlussreiche Interview.

Ihre Helga König

Anbei der Link zur Website von Peter Denker: http://publicationes.de/
Anbei der Link zur Gastkolumne von Peter J. Reichard: http://gastkolumne.blogspot.de/2018/05/gastkolumne-peter-j-reichard-gewalt.html

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